|
darkeRRadio interview november 2003
Falk: So, dann erzähl doch bitte mal was zur Gründung
von Rotersand. Wer steht alles hinter diesem Projekt und welche
Bedeutung hat der Bandname für euch, der ja meines Wissens
in Bezug auf einen Leuchtturm in Bremerhaven steht?
Rasc: Das sind ja... das sind ja gleich zwei Fragen auf einmal!
Rotersand sind Krischan, der schwerpunktmäßig die
Produktion betreut und der Sound- und Studiomann ist und auch
diesen Techno-Appeal reinbringt, weil er von Hause aus Techno-
und House-DJ ist seit ganz ganz vielen Jahren und auch selber
viel veröffentlicht hat auf sehr renomierten Labels wie
Radikal Fear und ach, tausend Klamotten, frag mich nicht,
guck im Internet nach.
Gun ist auch nicht unbedingt jemand, der der schwarzen Szene
entsprungen ist. Ein Multiinstrumentalist mit klassischer
Ausbildung, was unserem Sound sehr zugute kommt, ich glaub
das hört man so bei ein paar Tracks, die wir haben, und
war auch viele viele Jahre als Produzent unterwegs in Hamburg
und in München und hat, ach auch schon mit x Leuten die
man so kennt zusammen gearbeitet: Moloko, Daniel Klein, Boris
Dlugosch und so, die ganze Hamburger Dance-Szene auch so.
Ich bin ein alter EBM-Kopp, wie man so weiß, in den
80ern musikalisch sozialisiert und daran hat sich relativ
wenig geändert. Also ich teile mit Krischan vor allem
die Liebe zu zeitgenössischer Techno-Elektro-Musik, aber
groß geworden bin ich in den 80ern, was man letztlich
an jeder Note, die ich so von mir gebe, auch merkt, glaube
ich. Die zweite Frage war die nach dem Titel.
Ja, wie du schon gesagt hast, der Namensgeber ist dieser wunderschöne
alte Leuchtturm in der Wesermündung, so ein Jahrhundertwendebauwerk,
weit draußen in der Nordsee, wunderschöner alter
Jugendstil-Stahlzylinder. Ich hab so `ne alte Schwarzweiß-Dokumentation
gesehen, über diesen Leuchtturm und über das Leben,
als er noch wirklich in Betrieb und bemannt war, über
das Leben der Leuchtturmwärter auf dem Leuchtturm, die
wettergegerbten Gesichter der alten Männer, die über
Einsamkeit da weit draußen im Meer sprachen und gleichzeitig
über dieses schöne erhabene Gefühl, da draußen
zu sein. Zwar völlig alleine - und manchmal unerträglich
alleine - aber gleichzeitig mit diesem weiten Blick und dem
Bewußtsein, den Schiffen den Weg zu weisen, Wind und
Wetter und diesen knallenden Wellen ausgesetzt, also das war
eine unglaubliche Athmosphäre. Und die Art und Weise,
wie der Sprecher dieser Dokumentation immer "Rotersand"
gesagt hat, fand ich sehr beeindruckend, so daß ich
sehr schnell dachte, wir müssen unsere neue Kapelle so
nennen, das ist ein super Name. Dann begab es sich aber, daß
- Krischan war damals noch nicht so involviert, es waren vor
allem ich und Gun in den ganz ganz frühen Wochen und
Monaten, Gun fand den Namen übrigens scheiße, fand
ihn total blöd, und dann haben wir viel hin und her diskutiert,
und ich war aber sehr überzeugt, wollte unbedingt, daß
die Kapelle so heißt. Dann bin ich ganz schwer krank
geworden und hatte einen Blinddarmdurchbruch und war halb
tot und bin dann ins Krankenhaus gekommen, und auf dem Zimmer,
wo ich dann eingeliefert wurde und wieder gesund war, hing
ein Gemälde an der Wand, und das hängt jetzt hier
bei uns auch, kannst du gleich mal da vorne gucken um die
Ecke, und das war ein Bild von diesem Leuchtturm "Rotersand".
Und ja, Stella hat dann sofort Gun angerufen und gesagt, tja,
ihr müßt die Band jetzt so nennen, wenn der Rasci
da lebend rauskommt, dann ist das ein Zeichen! Es gibt keinen
anderen Namen als den! Und das hat Gun dann auch akzeptiert
und ich glaube mittlerweile hat er sich an diesen Namen gewöhnt.
Für ihn war das erst so ein Nordseeküsten-Klaus-und-Klaus-Name,
und das ist natürlich auch damit verbunden, aber nicht
für mich. Ich habe das, vielleicht durch diese Dokumentation,
durch die andere Art der Auseinandersetzung damit, nie als
Heimatkunde-Nordsee-Shantychor-Namen empfunden, sondern als
etwas fast industrielles und als ein sehr inspirierendes Bild,
ich meine so ein Stahlzylinder da draußen im Meer, allem
Wind und Wetter ausgesetzt steht er da einsam, gleichzeitig
mit ganz weitem Blick. Wenn man weit gucken kann, kann man
manchmal auch sich alleine fühlen, finde ich. Also da
sind so viele Bilder drin, so viele Stimmungen, von denen
wir glaube ich noch sehr, sehr lange zehren können. Also
ich glaube, wenn uns nichts mehr einfällt musikalisch,
dann spätestens wird es höchste Zeit, da auch mal
hinzufahren und mal ein paar Tage zu verbringen, was möglich
ist, man kann da Urlaub machen. Ich hatte jetzt auch schonmal
versucht für nächsten Sommer, mal gucken, ob´s
klappt.
Falk: Ja wenn wir gerade beim Musikalischen sind, eure Songs
bzw. eure Musik ist ja nun sehr vielfältig. Wovon seid
ihr inspiriert bzw. habt ihr in irgendeiner Form Vorbilder?
Rasc: Musiker bewundern immer Musiker. Für mich ist das
gesanglich, da ich bei Rotersand ja auch die Funktion habe,
der Sänger zu sein, anders als damals bei TFS, wo ich
auch gesungen habe, aber ja nicht der hauptamtliche Sänger
war. Meine gesanglichen Vorbilder: Peter Murphy, David Bowie,
manchmal auch Andrew Eldritch, weil so weit komme ich nicht
runter. Also das ist so aus Gesangesperspektive. Natürlich
musikalisch viel 80er, ich bin mit Skinny Puppy und Front
242 groß geworden, und Fad Gadget und so den ganzen
Kram, was du glaub´ ich auch gut kennst, habe dann aber
Anfang der 90er, als ich dann auch - da hatte ich bei Rough
Trade gearbeitet, da hatten wir Warp Records lizensiert, und
dann bin ich in einen ganz anderen Sound gekommen und hab
dann so R & F Records, Warp, LFO, Nightmares On Wax und
so was da alles an großartigen Sachen rauskam, die ich
auch sehr geliebt habe und auch immer noch viel höre,
und dieses ganze Detroit-Techno-Zeugs und so ein Kram. Auch
Charts, also ich höre auch gerne Pop. Krischan ist eindeutig
mit Techno groß geworden und hat ein Riesenarchiv da
wo auch das Studio ist, wo er auch wohnt, da gibt es ein Zimmer,
er hat so ein DJ-Zimmer mit nur Platten, meistens nur Maxis,
und das ist wie ein Steinbruch, da sind wir viel, hören
viel, gucken viel, hey, wo könnte man mal `ne Bassdrum
samplen. Das ist ein Riesenarchiv, wenn du so willst, wo wir
sehr viel Zeit verbringen, uns gegenseitig Sachen vorzuspielen.
Und bei Gun glaub´ ich gibt es eine besondere Affinität
zu Pop, Jazz und Klassik. Er hat mag komplexere Strukturen,
auch bei elektronischen Sounds, ein super Synthieprogrammierer,
Sounddesigner und sehr detailverliebt. Und richtig aufgehen
tut er, wenn es z.B. um Streicherarrangements geht. Meistens
komme ich mit Kinderakkorden zu meinen Melodien an, und er
macht dann sehr ausgefeilte, sehr vielschichtige Harmonien
dazu. Das ist sein Element.
Falk: Wie würdet ihr denn selber eure Musik bezeichnen?
Rasc: Im weitesten Sinne natürlich elektronische Musik.
Es gibt diesen Sampler, "Advanced Electronics" heißt
der, wo wir mit drauf sind. In diesem Umfeld fühlen wir
uns natürlich sehr wohl. Also "Advanced Electronics"
ist ein schöner Begriff, der das wahrscheinlich am Besten
auf den Punkt bringt. Wir sind nicht stumpf einfach Techno,
unsere Strukturen sind manchmal sehr kompliziert, hoffentlich
nicht zu kompliziert. Trotzdem versuchen wir es runterzubrechen
und auf den Tanzboden zu bringen in den meisten Fällen.
Also, uns vereint die Liebe zur Elektronik, gar keine Frage,
egal ob 80er, 90er oder wo es sonst herkommt. Elektronische
Musik und da zu gucken, Sounds zu entwickeln, also den Gesamtsound
zu entwickeln, möglichst viele Einflüsse organisch
zu verarbeiten, das ist so unser Programm.
Falk: Ja, und dann kommen wir eigentlich auch zu den Texten.
Die sind ja meist sehr kurz gehalten bei euch und trotzdem
noch sehr hintergründig irgendwo. Wie beeinflußt
das die Musik bzw. umgedreht, beeinflußt dann die Musik
dann halt eure Texte?
Rasc: Das schaukelt sich so wechselseitig hoch, in der Tat.
Es ist oft eine Kombination von Musik und Text am Anfang da,
also nicht ein fertiger Text, aber ein Hook. "Merging
Oceans" (Rasc singt diese Worte - Anm. d. Red.) ist dann
ein Ding, was steht, und damit verbunden eine Geschichte,
die man erzählen will, nämlich die Geschichte, eine
wahre Geschichte von einem Seefahrer, der davon geträumt
hat, durch sein bloßes Durchfahren die Ozeane der Welt
miteinander zu verbinden, äh zu verschmelzen. Das war
die Inspiration dazu, diese Geschichte habe ich irgendwann
Sonntags morgens in der Süddeutschen gelesen. Und auf
einmal war da "Merging Oceans" (wieder gesungen
- Anm. d. Red.) und dann sehr schnell auch die Gesangsmelodie
dazu mit nur Textfragmenten. Und dann ist das Stadium oft,
ist die Entwicklung oft, daß ich dann mit Gun zusammen
die Geschichte entwickle, also textlich. Er ist ein brillanter
Worteschreiber, viel viel besser, als ich das alleine könnte,
und letztlich komponiert er die Worte zusammen zu einer Geschichte
und zu einem Hook, der bereits da ist. Das ist sehr oft, daß
es so funktioniert. Und dann falle ich hintenrüber, wenn
dann das Ergebnis fertig ist, also so ein Text, bei "Merging
Oceans" nur vier Zeilen, aber da ist so viel drin, wie
du sagst, so viel Geschichte mit so wenigen Worten ausgedrückt,
das ist eine Kunst, und das ist Guns Metier, also ganz eindeutig,
und das ist dann für denjenigen, der die Rolle des Sängers
in einer Band hat, eine solche Qualität von Text singen
zu können, ist ein Privileg, ist was Großartiges,
nicht irgendwie so mit der schnellen Nadel gestrickte Sachen
runterzusingen, sondern wirklich komponierte Wörter sind
das. Das wird nicht für alle Hörer wichtig sein,
aber ich denke, für ein paar Hörer wird das sehr
sehr wichtig sein, und für mich und für die ganze
Kapelle ist das was sehr sehr wichtiges und führt dann
dazu, daß wir in der Entwicklung der Musik dann auch
auf bestimmte Abschnitte im Text dann auch Rücksicht
nehmen und z. B. ein Backing komplett zurückfahren, bei
"Fire" z. B. gibt´s das. In dem Song fuhr
die zweite Strophe ursprünglich volle Brause, und irgendwann
saßen wir im Studio und dachten, ey, zu diesem Text
paßt nicht, daß es jetzt durchbollert, wir müssen
das Backing komplett zurückfahren. Dann haben wir nur
noch die Streicher stehenlassen, um die zwei Zeilen zu singen,
die sehr entscheidend sind für den Inhalt des Songs.
Die Inhalte, die wir da singen und von uns geben, sind uns
sehr sehr wichtig, und manchmal muß die Musik dann auch
dahinter zurückstehen.
Falk: Weil du gerade die EP "Merging Oceans" angesprochen
hast, wie war denn die Resonanz der Hörer bzw. auch vielleicht
bei Live-Auftritten dann die Resonanz des Publikums darauf?
Rasc: Ja, das ist... ich meine, weißt du ja, damit hatte
ja niemand gerechnet, wir als allerletztes. Sowas kannst du
ja auch nicht vorhersagen, daß so ein Ding so ein Clubhit
dann wird und überall läuft und irgendwie auch so
ein besonderer Clubhit wird. Der Ronny von Clan Of Xymox,
der auch das Gotham-Festival organisiert und DJ ist in Holland,
wo wir neulich auf dem Gotham mit Rotersand gespielt haben,
meint, das wäre jetzt schon eine Kultnummer, und ich
meine, wenn jemand wie Ronny sagt das ist jetzt schon eine
Kultnummer, irgendwie, da ist was dran, also du spürst,
das ist halt eine besondere Nummer, das ist nicht so, die
läuft jetzt zwei Monate und dann nie wieder, sondern
das hat... die bleibt! Das ist so ein Ding, du hast selber
das Gefühl, das bleibt, und es ist viel viel größer
geworden durch sich selbst und durch die Dynamik und durch
die DJ´s und die Leute, die drauf tanzen, und wie sie
es wahrnehmen, als es mal irgendwann war. Es war irgendwann
mal einfach nur ein Lied, und jetzt ist es... ja, jetzt ist
es "Merging Oceans", was so ein feststehender Begriff
ein bißchen geworden ist. Ich will´s jetzt nicht
zu dick machen, aber der Erfolg ist berauschend, was das angeht,
und egal, ob wir jetzt in Holland spielen, in Deutschland
oder in Spanien, wo wir jetzt gerade auf Tour waren, die Leute
kennen es! Und das ist für so einen Newcomer wie uns,
im Vorgruppenstatus, ist das großartig, wenn du irgendwo
spielst, und die kennen ein-zwei deiner Nummern direkt. Das
ist im Grunde deine erste Tour, die du zu dritt machst, deine
ersten, allerersten Konzerte und Gehversuche, live das umzusetzen,
und die Leute kennen den Song, und, ja, du agierst ganz anders,
also es gibt irgendwo noch Konzerte in Ecken von Deutschland,
wo das nicht so bekannt ist, und dann agierst du auf der Bühne
ganz anders, als wenn es bekannt ist, das macht viel viel
mehr Spaß natürlich.
Falk: Weil du gerade die Live-Auftritte ansprichst, wo kann
man euch denn in nächster Zukunft eigentlich sehen? Gibt´s
da ein paar Termine, die du mir nennen kannst?
Rasc: Ja, ja, gibt´s: Hier in Köln jetzt am 07.11.
in der Essigfabrik sind wir mit dabei, und ähm... müßte
ich jetzt rauskramen... wir sind in Jena und wir sind irgendwo
in Polen und in Berlin... Auf unserer Webseite rotersand.net
sind die alle verzeichnet und auch Snippets bald zu dem Album,
wenn ihr das mal noch hören wollt. Ähm ja, Termine,
am besten da gucken!
Falk: O.k., werden wir dann auch machen und werden wir dann
wahrscheinlich auch ankündigen. Weil du gerade das Album
ansprichst, ich hab es jetzt leider selber noch nicht hören
können, aber steckt jetzt hinter dem Album irgendwo ein
bestimmtes Konzept oder wie ist das ganze entstanden?
Rasc: Ja, Konzept ist ein bißchen zu dick, aber es ist
durchgemischt weitgehend, was so unseren Clubappeal, so unsere
Freude am Tanzboden nochmal ausdrücken soll. Es sind
sehr viele... sehr clublastiges Material, aber es sind auch
zwei Balladen darauf; eine davon ist denjenigen, die uns live
beguckt haben, schon sehr bekannt, und ist auch immer so die
Nummer, über die man dann hinterher spricht, sei es andere
Musiker auf Festivals oder das Publikum immer wieder: Hey,
diese Rührenummer, wo du Akustikgitarre gespielt hast,
boa, die geht mir nicht mehr aus dem Ohr, die ist ergreifend!
Also diese Ballade, "One Level Down" heißt
sie, ist auch auf dem Album drauf. Ich persönlich finde
die live fast stärker, das darf man ja nicht sagen irgendwie
auf Plattenveröffentlichungen, aber die hat live... ich
finde es schweineschwer, eine Ballade studiomäßig
vernünftig rüberzubringen. Es gab da jetzt welche,
die es live lieben und sagen, daß sie es studiomäßig
so erwartet haben und es adäquat umgesetzt ist. Ich persönlich
finde es live stärker und würde mir wünschen,
daß man das... man singt irgendwie... der Gesang ist
intensiver live, es ist... ich weiß auch nicht, ich
finde live macht die mehr Spaß, als sie jetzt auf dem
Album zu hören, aber ich denke, daß es trotzdem
gut rüberkommt, daß es ein sehr schönes, sehr
tiefes Lied ist. War das deine Frage eigentlich?
Falk: Ich denke schon.
Rasc: Die Themen, also was uns inhaltlich beschäftigt
auf dem Album, das sind manchmal so momentane Inspirationen
wie bei "Merging Oceans", es gibt sehr persönliche
Sachen, manchmal Angstszenarien oder persönliche Erlebnisse.
Es gibt ein bißchen Medienkritik - gerade als das mit
dem Irak-Krieg war jetzt, was ja immer noch sehr sehr aktuell
ist. Die Art und Weise, wie die Weltöffentlichkeit mit
so einem Überfall umgeht ist ja immer noch ein sehr großes
Thema. Der Albumtitel "Truth Is Fanatic" hat sehr
viel mit diesem Empfinden der Unerträglichkeit zu tun,
wie sich Medienwirklichkeit darstellt, und wie sich Politik
und Weltpolitik in den Medien verkauft - einfach unerträglich.
Und diese unfaßbare Borniertheit und Korrumpiertheit,
die sich dann so unreflektiert in den Medien wiederfindet
und darin auch nochmal verstärkt wird auf eine ganz komische
Art und Weise. Wenn ich an CNN denke, da schraubt sich so
ein Zusammenhang in den Gedanken hoch, der uns schier unerträglich
scheint. Ich kann kein Fernsehen mehr gucken so richtig, also
Sport natürlich, ne, Fussi... aber so nachmittags kann
man den Fernseher nicht einschalten, die ganzen Serien kann
man sich nicht angucken, das ist alles so inhaltsleer geworden.
Guck mal, "Deutschland sucht den Superstar", es
geht nicht darum, daß du was kannst wirklich jenseits
von "hast ein nettes Stimmchen", es geht nicht darum,
daß du eine eigene Kunst produzierst, es geht nur noch
darum, berühmt zu werden, es ist so inhaltsleer. Es ist
nicht so, daß du Kunst produzierst und eine kulturelle
künstlerische Entwicklung mit voran treibst mit dem,
was du von dir gibst, und wenn es natürlich auch nur
ganz minimal ist, wie wir das nur tun können als Musiker,
aber immerhin. Aber hier geht´s nur noch darum, über
eine massive Multiplikation und einen Part in der Bildzeitung,
vor allem mit RTL, geht´s nur noch darum, zu casten
und inhaltsleere Gesichter auf Plakate, auf Großraumplakate
zu bringen, und da bin ich froh, daß wir den "Content
Killer" - eine der Nummern auf dem Album heißt
"Content Killer" - erfunden haben, weil das letztlich
die einzige Chance ist: Einfach nur noch alles zu zerstören,
was Medieninhalt ist, und darum löst sich die Platte
bei "Content Killer" dann auch selber auf. Das ist
so eine Art Inhaltterrorismus, den wir vorschlagen auf unserer
Platte.
Falk: Da waren jetzt eigentlich sehr viele Themen drin, also
gerade speziell Politik oder Medien. Wie seht ihr eigentlich
die Möglichkeit jetzt als Band, auch irgendwo die Hörer
zu beeinflußen? Oder ist das nicht vielleicht sogar
letztendlich eine Gefahr, daß man als Band halt ein
politisches Statement abgibt oder halt in die Richtung dann
halt seine Statements abgibt?
Rasc: Also, ich glaube ein eindeutig formuliertes Statement
ist, was eine gewisse Authentizität hat. Meinungsvielfalt
ist nach wie vor etwas sehr sehr vernünftiges. Wichtig
ist nur, finde ich, daß es authentisch ist, egal wie
extrem dann das ist, was du vertrittst, wichtig ist erstmal,
daß es eine gewisse Authentizität hat. Und die
Fensterläden unserer Politiker haben alles andere als
Authentizität. Darum geht es einfach nicht mehr. Nur
wird sie durch Medien gerade so verstärkt, so weit von
den eigentlichen Motiven abgerückt, daß es einfach
eine neue Dimension hat an Lüge, die in der Welt ist.
Die Referenz an Wahrheit, der Bezug auf Wahrheit, ist egal
geworden. Wahrheit birgt einen eigenen Fanatismus in sich.
Es geht nicht mehr um Vielseitigkeit, es geht nicht mehr um
Vielfalt, es geht nicht mehr um Meinungsvielfalt, es geht
nur noch um diesen einen sinnentleerten Brei von Medienrauschen,
darum geht es. Also, ich will nicht sagen, daß alle
Meinungen, so extrem sie sein können, und vor allen Dingen
wenn es dann um rechte Ansichten und so weiter geht, daß
das etwas ist, was tolerierbar ist, aber ich glaube, daß
der viel größere Feind der Menschlichkeit in diesem
verlogenen, nur noch in sich selbst drehenden Medienrauschen
zu finden ist. Ich glaube, daß das unser größtes
Problem ist. Ein größeres Problem als extreme Meinungsausformungen
auf der linken oder auf der rechten Seite. Zumindest im Moment.
Ich glaube, daß von den Amerikanern für die amerikanische
Regierung beispielsweise für den Weltfrieden eine viel
viel größere Gefahr ausgeht als von irgendwelchen
kleinen rechten Spinnersplittergruppen, die auch sehr ernst
zu nehmen sind, aber nicht im Verhältnis stehen.
Falk: An der Stelle würde ich dann gerne noch ein anderes
Thema aufgreifen, was mir jetzt gerade aufgefallen war. Und
zwar sprachst du vorhin auch schon die Musikbranche bzw. die
Musikindustrie an, die ja derzeit halt wirklich über
mehrere Verluste klagt. Worin siehst du eigentlich die Gründe
dafür? Also ist es jetzt wirklich nur der künstlerische
Aspekt, der halt da irgendwo fehlt, oder ist es wirklich so,
daß, wie es so oft vorgeschoben wird, Internettauschbörsen
und solche Dinge halt dafür verantwortlich wären?
Und wie gesagt, bei Endless seid ihr auf einem sehr sehr netten
Underground-Label in dem Sinne, wie gestaltet sich da die
Zusammenarbeit? Wieder zwei Fragen in einer, aber ich denke,
da kommen wir schon zu einer Antwort...
Rasc: Endless Records macht es ja vor, mit Minimalbudgets
international Bands zu pushen und in die Welt zu bringen.
Rotersand ist das beste Beispiel bei Endless dafür. Aus
dem Nichts mit Minimalbudget, ich kann es nur nochmal sagen,
bist du präsent in fünf-sechs Ländern gleichzeitig,
bist plaziert und bist in der Welt. Und wenn wir jetzt irgendwo
rumreisen, empfinden wir sehr viel Respekt von den anderen
Musikern, von Fans, die das Material kennen, und das hat alles
Endless letztlich ja koordiniert und auf den Weg gebracht.
Natürlich ist es auch schweinegeile Musik, das ist dadurch
total einfach... Aber ich meine, hey, Respekt! Und das mußt
du erstmal machen als so ein Minilabel. Und das zeigt aber
ganz genau, wie es gehen kann. Die Musikindustrie hat einfach
nur einen Riesen-Wasserkopf, und Musik hat... wir wissen ja
alle, daß das Produzieren oder der Wert der CD an sich
nur ein ganz ganz kleiner Teil ist, und daß das Marketing
und der Riesenkopf da drum herum das ist, was kostet. Internet
ermöglicht, daß du deine Musik vervielfältigen
kannst und unter´s Volk bringen kannst und bekannt machen
kannst, wie das vorher noch nie gewesen ist. Und gerade im
Aufbau von Newcomern ist das ein Traum, ist mp3 die Lösung
für ganz ganz viele Probleme, und für Rotersand
gibt´s nichts besseres, als daß alle Kinder in
der Welt das Zeug brennen und kopieren. Uns kann nichts besseres
passieren. Mit den Margen von Plattenverkäufen, ich weiß
nicht wieviel zighunderttausend Platten wir verkaufen müssen,
daß das mal irgendwann relevant wird, und - gut, zighunderttausend
sind´s dann auch nicht, aber für uns ist es das
Beste, wenn das viel gebrannt wird und viel verteilt wird.
Wir möchten, daß möglichst viele Leute unsere
Liebe und unsere Auffassung von elektronischer Musik teilen.
Das ist in erster Linie unser Interesse. Wenn du sowas machst
und davon so überzeugt bist, dann willst du, daß
das möglichst viele hören, und das ist über
Internet sehr sehr gut möglich. Ich glaube, daß
die Kriminalisierung der Filesharer der größte
Fehler war und der größte Irrtum der Musikindustrie.
Das ist megabanane, das macht keinen Sinn, das so zu tun.
Du wirst ein Album kaufen, du willst das haben, wenn es das
wert ist. Das ist eine Frage von Pricing und Packaging. Wenn
dir das Album... ich kann dir zwei Beispiele geben aus meinem
kleinen doofen Leben: Ich wollte Zweiraumwohnung mal irgendwann
haben, das Album. Hatte ich nicht. Ich bin zum Saturn gefahren,
da war es schon zwei Jahre alt oder so. 16,99 war der Preis.
Nee, hab ich nicht gekauft, nicht für 16,99, das war
mir zu teuer. Zurück, zwei Kumpels gefragt, einer hatte
es nicht, der zweite hatte es. Gebrannt, gehabt. Dem ersten,
der es nicht hatte, aber auch haben wollte, direkt mitgebrannt.
So war´s. Anders Beispiel: Goldfrapp. Ich hatte Goldfrapp
"Felt Mountain" als gebrannte Kopie von irgend jemandem
bekommen und immer gehört, war meine absolute Lieblingsplatte,
ich hab sie schon fast durchgehört. Dann war ich in London,
und du weißt, wie teuer Plattenkaufen in London ist.
Dann habe ich dort eine Limited Edition angeboten bekommen
für ein Schweinegeld, mit einer ganz aufwendigen, schönen
Verpackung, Pappe, nett gemacht, mehr Photos, noch `ne Remixplatte
mit drin in dem Ding, für endlos, also bestimmt... laß
es 50-60 Mark gewesen sein, aber es war es mir wert. Obwohl
ich das Hauptprodukt hatte als gebrannt, fand ich die Platte
so geil, und ich wollte sie unbedingt dann auch in dieser
Form, auch mit den Remixen dabei und so weiter, wollte ich
sie unbedingt haben, und habe dann das Geld ausgegeben. Ich
glaube, daß diese Beispiele klar machen, daß das,
was du dafür bezahlst, in einem vernünftigen Wert
für dich selber zu dem, was du davon hast, einfach stehen
muß. Und ich wäre nicht dazu bereit, für ein
Album, wo ich zwei Nummern drauf gut finde oder vielleicht
sogar nur eine, dafür kaufst du dir kein Album! Und darum
ist es gut, daß du erstmal was gebrannt haben kannst,
um zu gucken, gefällt´s mir, oder ein paar mp3´s
von einer Band hast. Ich bin der festen Überzeugung,
irgendwann kaufst du es dann auch. Also wenn es das wert ist
und wenn es nachhaltig wertvoll ist, dann kaufst du es auch.
Und wenn nicht, dann sind wir froh, wenn die Leute draußen
dann zumindest unsere Hits kennen, das was in den Clubs läuft,
wenn sie unser Album langweilig oder zu teuer finden. Ich
glaube, daß sich das durchsetzt; und als Band kann man
ja auch clever shippen, weil wir, BWL-mäßig gesprochen,
an der Wertschöpfung und an ganz vielen anderen Dingen
partizipieren, und wenn du einmal so eine kritische Masse
hast von Hörern, die mit dir deine Musik teilen, dann
hast du ja auch noch Konzerte und ein bißchen Plattenverkäufe,
Merchandise usw., hast du ja Möglichkeiten, dann schon
auch dich als Künstler zu finanzieren. Aber das entscheidet
der Markt, das entscheiden die Hörer, und das ist auch
gut so.
Falk: Damit wären wir eigentlich schon fast am Ende.
Ich würde mal sagen, das Statement lassen wir dann so
stehen. Vielleicht noch ein paar Worte in eigener Sache auch
an unsere Hörer von darkeRRadio?
Rasc: In eigener Sache? Hey, hört euch unsere Scheiße
an! Entscheidet euch, ob euch das gefällt! Und wenn euch
das gefällt, dann schickt uns doch mal eine Email, oder
hinterlaßt uns eine Botschaft im Gästebuch. Wir
freuen uns wie doof über jeden neuen Eintrag, und wenn
eine Woche vergeht, und da ist kein neuer Eintrag, dann fangen
wir an zu heulen. Ja, schöne Grüsse, haltet die
Treue!
|